02.08.2011

Spielmacherinnen am Hof

Dresdner Neueste Nachrichten 02.08.2011

Tobias Sosinka, Dramaturg der Zwingerfestspiele, über einen manchmal etwas anderen Blick auf die Geschichte

Am Freitag ist die lang erwartete Premiere der Zwingerfestspiele. "Die Mätresse des Königs" widmet sich der Geschichte um August und die Cosel. Dramaturg Tobias Sosinka erzählt im Interview mit Torsten Klaus unter anderem von der Bedeutung der Mätressen am damaligen Hof.

Frage: Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Dieter Wedel und den Zwingerfestspielen gekommen?

Tobias Sosinka: Als ich erfuhr, dass bei den Nibelungenfestspielen in Worms dieses Jahr "Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer genannt Jud Süß" inszeniert wird und hörte, dort werde noch ein Dramaturg gebraucht, habe ich Dieter Wedel einen Brief geschrieben. Der Stoff hat mich einfach unheimlich interessiert.

Das Team war allerdings schon komplett. Daraufhin hat mich Dieter Wedel gefragt, wie es denn mit den Dresdner Zwingerfestspielen sei. Ich sagte sofort zu, als ich vom Stoff August der Starke und Gräfin Cosel erfuhr. Außerdem ist es einfach wunderbar, bei der Premiere eines Festivals wie den Zwingerfestspielen dabei zu sein. Da sagt man nicht nein.

Erfolgreiche Initiativbewerbung...

Das kann man so sagen, ja.

Gibt es Parallelen von Worms zu Dresden?

Was mich in Worms besonders interessierte: Die wahre Geschichte Oppenheimers sollte erzählt werden. In gewisser Weise ist es mit dem Stoff der Zwingerfestspiele ähnlich. Beides spielt fast zur selben Zeit, wir haben es außerdem mit ähnlichen politischen Grundproblemen zu tun. August baut seine absolutistische Macht aus, ganz normal zur damaligen Zeit. Die Grundkonflikte ähneln sich also.

Haben historische Stoffe wieder Konjunktur?

Ich bin mir nicht sicher. Wir wollen hier ja auch keinen historisierenden Kostümschinken auf die Bühne stellen, wie man es aus manchen Filmen kennt. Zwischen uns und der Zeit Augusts liegen drei Jahrhunderte. Hinter den Masken, Kostümen und Ritualen erkennt man andere Auffassungen, die damals herrschten: von Liebe und Ehe zum Beispiel. Es ist der Versuch, ein Heute zu spiegeln in einem barocken Spiegel. Wir blicken in die Geschichte, um etwas über uns zu erfahren.

Das Stück zeigt die politischen Begleitumstände jener Zeit, das gefällt mir. August ist auch jemand, der Kriege anzettelt, und nicht eben wenige. Sachsen ächzt unter seiner Herrschaft. Dazu kommt das Ausschalten prädemokratischer Mechanismen wie der Landstände. Der Kurfürst war eigentlich der primus inter pares. August geht dagegen radikal vor. Er hat einerseits schöne Schlösser gebaut, war aber andererseits auch ein erfolgloser Feldherr. Und heute dürfen wir im Zwinger Theater spielen. Damals durften Normalsterbliche ihn gar nicht betreten.

Die Cosel kann als Mittelpunkt des Stücks gelten, wie der Titel ja suggeriert. "Die Mätresse des Königs" klingt aber auch etwas despektierlich.

Heute klingt Mätresse abwertend, anrüchig: die heimliche Geliebte im Hinterzimmer. Mätressen spielten aber damals eine feste Rolle. Wer Mätresse war, gehörte zum obersten Hofstaat. Diese Frauen waren gebildet, die erotische Anziehung allein reichte nicht für diese Position. Sie waren Spielmacherinnen am Hof und gehörten wie selbstverständlich dazu. Wer keine Mätresse hatte, war als Fürst oder König nicht ernstzunehmen.

Es gab und gibt Kritik in Dresden: Da kommt jemand von außerhalb, der sich eines ursächsischen Stoffes annimmt. Die lokalpatriotische Sicht. Wie gehen Sie damit um?

Ich sehe das relativ entspannt. Natürlich kann man solchen Festspielen vorwerfen, sie seien nur großes Event, da werden Stars aufgefahren und ungeheuer viel Geld wird ausgegeben...

...als Event verstehen sich die Zwingerfestspiele aber durchaus...

Den Charakter hat es schon. Aber ein solches Festspiel-Event kann dann auch ungeheuer viele Zuschauer anziehen. Es ist außerdem keine schnelle, oberflächliche Nummer, die nur glänzen will, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Stoff. Vielleicht ist der Blick von außen auf eine solche Geschichte auch gar nicht so falsch. Ich komme aus der Berliner Ecke, wo man die sächsische Geschichte immer aus dem Blickwinkel preußischer Geschichte betrachtet. Und wenn ich jetzt in diese Materie eindringe, tun sich ganz interessante Perspektiven auf.

Außerdem betont Dieter Wedel immer: August hat für Dresden und Sachsen viel getan. Aber die Geschichte von ihm und der Cosel ist überregional und international bei weitem nicht so bekannt wie zum Beispiel die von Ludwig II. von Bayern. So sind die Zwingerfestspiele auch ein Schritt, für mehr Bekanntheit zu sorgen.

Wie muss man sich Ihren ganz normalen Probentag vorstellen?

Ich bin dazu da, das Ensemble und die Regie zu beraten, wenn Bedarf besteht. Da geht es um bestimmte Detailfragen. Zum Beispiel ist dem Regisseur eine Szene noch zu lang, also wird geschaut, wo sich dann noch etwas umarbeiten lässt. Wo kann gestrichen werden, welcher Satz ist vielleicht nicht nötig? Manchmal gehe ich auch nach der Probe noch zu einem Schauspieler, wir sprechen über ein paar Kleinigkeiten. Hintergrundarbeit. Sie bestimmt meinen Probentag.

Und doch unterscheidet sich offenbar Ihre Arbeit hier von Ihrer sonstigen dramaturgischen Arbeit. In Dresden bleibt doch das Duo John von Düffel/Dieter Wedel prägend.

Genau, und das ist auch völlig in Ordnung. Das hängt ja auch damit zusammen, dass ich erst später dazustieß. Ich arbeite flankierend, kann man sagen. Und Dieter Wedel ist auch so erfahren, dass er niemanden an seiner Seite braucht, der ihm sein Stück erklärt.

Eine ketzerische Frage: Was hätten Sie anders gemacht, wären Sie von Anfang an dabeigewesen?

(Langes Schweigen.) Ich überlege, wirklich. (Wieder Schweigen, dann ein Räuspern.) Eine böse Frage, die Sie mir da stellen.

Finden Sie? Es gibt doch überall Dinge, die man anders machen wollte, wenn man könnte.

Doch, da ist etwas, das uns im Vorfeld bereits hätte auffallen müssen. Die Dresdner Kleindarsteller haben doch weitaus mehr zu tun, als wir anfangs dachten. Auf ihren Schultern lastet nicht nur das Spielen der Hofgesellschaft, sondern auch komplexe Umbausituationen. Die Bühne ist eigentlich leer, wird aber von Szene zu Szene immer mit neuen Requisiten bestückt. Diese Aufgabe hätte man auslagern können, auf vier zusätzliche Techniker beispielsweise. Aber alle Kleindarsteller machen das mit großer Begeisterung. Hut ab!

Was lernt man, wenn man mit Dieter Wedel zusammenarbeitet?

Wir haben auf und hinter der Bühne etwa 150 Menschen, die da arbeiten. Beeindruckend sind die Ruhe, Gelassenheit und Unermüdlichkeit, mit der Dieter Wedel diese Mannschaft nicht nur führt, sondern auch animiert. Das über Tage und Wochen hinweg, auch oft bis in die tiefe Nacht hinein, um zum Beispiel das Nachtlicht für bestimmte Sequenzen weidlich auszunutzen. Wedel bleibt dabei gelassen und gleichzeitig fordernd. Man merkt dann, dass er ein gestandener Theater- und Filmmensch ist.

Was unterscheidet Ihre Arbeit in Dresden von dem, was Sie aus Ihrer Theatererfahrung kennen?

Erstmal gar nicht so viel. Man hat eine Vorlage, auch wenn das Stück hier extra für die Zwingerfestspiele geschrieben wurde. Was die Arbeit im Vergleich zu einem mittelgroßen Stadttheater unterscheidet: Die Produktion kann in Details erst vor Ort entwickelt werden. Dazu braucht es die großen Mannschaften für Technik, Maske, Kostüm. Manches kann man eben nicht am Reißbrett planen. Am Stadttheater kann man die Probeninhalte und -abläufe dagegen genauer vorgeben. Dieter Wedel sagt immer, es ist ein bisschen wie Zirkus. Experten kommen aus allen Himmelsrichtungen zusammen und ziehen ein Projekt durch.

Und er ist der Zirkusdirektor?

(Lacht.) Das hat er mir so nie gesagt.